100 km von Biel

Gespeichert von Michaela Rümmer am/um Di., 12.06.2018 - 13:55
Datum

Die Nacht der Nächte

Bereits 2017 wurde ich vom Ultra-Virus infiziert. Im Mai absolvierte ich den Rennsteiglauf mit 73,5 km  und im August kam dann noch der Müritzlauf mit 75 km dazu. Seitdem war klar, 2018 möchte ich einmal im Leben in Biel starten. Mit dem Jahreswechsel begann die Vorbereitung, Tag für Tag, Woche für Woche arbeitete ich den Trainingsplan, ausgelegt für 12 Stunden in Biel, ab.

Jede Trainingswoche war mit 5 abwechslungsreichen Trainingseinheiten, wie Tempo- und Intervalltraining und vor allem mit langen Läufen gespickt. Trotz Wind, Schnee und Eis habe ich mich nicht von meinem Trainingsplan abhalten lassen.  Zum Glück wurde ich häufig von meinen Lauffreunden bei meinen langen Einheiten bei jedem Wetter begleitet. Selbst bei Vorbereitungswettkämpfen, wie beim Obermain-Marathon oder bei der Läuferkrone im Spreewald (am ersten Tag Halbmarathon, am zweiten Tag Marathon) waren stets meine Lauffreunde an meiner Seite.

Um mir auch theoretisches Läuferwissen anzueignen, absolvierte ich im April in Köln eine mehrtägige Ausbildung zur Lauftrainerin.

Leider musste ich in der Vorbereitungszeit auch zwei verletzungsbedingte Trainingspausen hinnehmen. Einmal bin ich gestürzt und habe mir das Knie verletzt (auf dem Weg vom Büro zum Kopierraum) und nach einem 1-wöchigen Trainingslager in Italien ereilte mich noch 4 Wochen vor Biel ein Muskelfaserriss in der Wade. Jetzt kamen erste Zweifel auf, ist die Teilnahme in Biel 2018 wirklich noch möglich???

Ja, sie war möglich!!

Am 8.6.2018 war es so weit, ich machte mich mit meinen beiden Begleitern Klaus und Steff auf den Weg in die Schweiz.

Nach der Abholung der Startunterlagen gab es kein Zurück mehr, jetzt wurde mir bewusst, Biel ist in greifbarer Nähe. Mit 1200 Läufern aus 25 Nationen wartete ich am Freitag um 22 Uhr auf den Startschuss.

Die ersten 10 km verliefen durch die Stadt, dann ging es nach einem langen Anstieg in die dunkle Nacht hinein. Die Lichter der Stirnleuchten reihten sich wie eine Perlenkette aneinander. Bei Kilometer 23 traf ich auf meine Radbegleitung Steff. Sie begleitete mich souverän durch die Nacht. Stets an meiner Seite hielt sie mich mit ihren Geschichten und Anekdoten bei bester Laune.

Die Strecke verlief meist geradeaus auf der Bundesstraße, für viele Läufer war es ein Segen, dass es ein Nachtlauf war. Nachdem das Ziel der 56 km Ultra-Läufer in Kirchberg erreicht war, lichtete sich das Läuferfeld. Bei Kilometer 58 wurden die Radbegleiter umgeleitet und die Läufer erreichten den legendären Ho-Chi-Minh Pfad. Dieser Trail führt 10 Kilometer durch den Wald über große Steine, Wurzeln und durch viele Schlammpfützen, die es mir auf Grund der eintretenden Müdigkeit trotz geforderter Aufmerksamkeit sehr schwer machten. In diesem Teilstück habe ich sehr viel Zeit verloren.

Aber als ich bei Kilometer 68 wieder aus dem Wald kam und der Tag anbrach, nahm mich Steff freudestrahlend wieder in Empfang und somit waren diese Strapazen schnell wieder vergessen.

Bei Kilometer 75 machte mich Steff darauf aufmerksam, dass ich gleich die „Todeszone“ erreichen werde, dass ist der Kilometerbereich, den mein Körper noch nicht kennt. Aber anstatt leistungsmäßig einzubrechen, entwickelte ich ungeahnte Energien und machte die Zeit, die ich beim Ho-Chi-Minh Pfad verlor, wieder gut. Wie ein Schweizer Präzisions-Uhrwerk bewegten sich meine Beine bergauf-bergab durch das Berner Oberland. Zwischendurch noch ein Selfie für die Lauffreunde zuhause, die die ganze Nacht mitgefiebert haben und mich über dem Live Tracker mitverfolgt haben. Und schon ging es auf die Zielgerade, im wahrsten Sinne des Wortes, ging es noch 10 Kilometer kerzengerade am Fluß entlang, nochmal für viele Läufer eine mentale Herausforderung. Endlich, das 99 Kilometer Schild, noch 1 Kilometer bis zu dem Ziel, auf das ich mich 5 Monate vorbereitet habe. Durch den Applaus des Publikums wurde ich den letzten Kilometer in das Ziel getragen. Geschafft!!

Nach 11 Stunden und 15 Minuten erreichte ich die Ziellinie.

 

Dank der weltbesten Radbegleitung, Steff und meinem Mental-Coach Klaus wurde Biel für mich ein unvergessliches Lauferlebnis, Vielen Dank!

Silke