Ultra-Trail du Mont-Blanc

Gespeichert von Jens Müller am/um Mi, 09/06/2017 - 12:03
Datum

Der Traum den UTMB Mont Blanc zu finishen!

3 1/2 Jahre Vorbereitungszeit waren zu Ende, als ich mich endlich auf den Weg nach Chamonix zum UTMB machen konnte. Der UTMB ist die Hochburg der Trailrunner! Alles ist vom 01.-03. September nur für diesen Run, 170 km, 10 000 Hm rund um den Mont Blanc, der 4800 m hoch ist, ausgelegt. Die Strecke umfasst vom tiefsten Punkt ca. 800 Hm, bis über mehrere Berge mit 2650 Hm.

Um bei diesem Run starten zu können, musste ich mich mit etlichen Bergläufen im Vorfeld qualifizieren und konnte so nach ca. 3 1/2 Jahren endlich meine Startunterlagen in Chamonix abholen. Bei der Ausgabe wurde das Equipment sehr genau kontrolliert (es ging ungefähr so zu wie am Flugplatz), damit jeder Starter alles für die Berge dabei hat. Auf halber Strecke in Cormanyeur konnte man nochmals Wechselkleidung deponieren. Selbstverständlich alles eingetütet wegen des Regens.

Gut ausgerüstet und mit ruhigem Gewissen ging es am Freitag 1. September an den Start. Die Woche vorher war optimales Wetter und ich bin schon am Montag zum Akklimatisieren angereist. Einen Tag vor dem Start hat das Wetter schon umgeschlagen und es wurde windig und regnete. Alle Läufer warteten ungeduldig bis der Startschuss um 18.30 Uhr fiel. Endlich war es soweit. Super motiviert, gut trainiert und ausgerüstet startete ich in die Nacht.

Von Chamonix ging es erstmal Richtung St. Gervais hoch zum Le Delevret (1744 m), bis ich dann um 22.03 Uhr St. Gervais (810 Hm) nach 21 km erreichte. Weiter ging es nach Le Contamines (1170 Hm) 23.56 Uhr / La Balme 1706 Hm 01.50 Uhr, dann Col du Bonhomme (2433 Hm), da war ich am Gipfel schon vom Regen und peitschendem Schnee so nass, dass ich die Kleidung wechselte. Weiter ging es runter nach Le Chaprieux (1549 Hm) 05.15 Uhr. Danach rauf zum Col de la Seigne (2516 Hm) 08.08 Uhr am Samstagmorgen. Weiter nach Lac combal (1970 Hm) 09.00 Uhr, dann rauf zum Arete du Mont Favre (2417 Hm) 10.26 Uhr, zu dem Zeitpunkt am Samstagvormittag war das Wetter wieder etwas besser. Doch das laufende an- und ausziehen der Kleidung, Wärme - Regen und das Downhill laufen raubten die meiste Kraft. Man musste ja sehen, dass man immer in seinem Zeitfenster blieb, wegen der Cut off Zeiten. Meist blieben mir da nur 10 Minuten. Also keine Panik und weiter.

An was denkt man eigentlich bei so einer Strecke? Bei Tageslicht kann man ja, wenn möglich, das herrliche Panorama rund um den Mont Blanc genießen. Aber nachts bei Nieselregen mit der Stirnfunzel? Da denkst du über alles nach. Über deine Lebensphilosophie, dass doch jetzt alles nebensächlich ist. Was dir eigentlich wichtig ist und wie sehr du kämpfen musst, damit du das überstehst. Und vor allem wie es wohl sein könnte, wenn du die Ziellinie überquerst. Dann ein Läufer vor dir, dem du folgst und einer hinter dir, der dich drängt. Und so kämpfst du dich von Berg zu Berg. Also lief ich den ganzen Samstag weiter mit dem Ziel vor Augen.

Weiter gings zum Col Checrouit (1956 Hm) 11.24 Uhr. Dann zur Wechselzone nach Courmanyeur (1210 Hm) 12.29 Uhr, Kleiderbeutel geholt und nach raschem umziehen, 2 Stücken Schokolade und etwas Nudelsuppe saß mir die Cut off Zeit schon wieder im Genick, das bedeutete, wenn ich bis 13 Uhr nicht startete, bin ich raus aus dem Rennen. Also weiter nach Refuge Betone (1991 Hm) 14.40 Uhr, Refuge Bonatti (2025 Hm) 16.35 Hm. Dann runter nach Arnouvaz (1769 Hm) 18.17 Uhr. In Arnouvaz angekommen trafen die Läufer sich alle in einem beheizten Zelt und es regnete in Strömen.

Eine Durchsage brachte die Nachricht, dass es auf dem nächsten Berg, dem Grand Col Ferret (2537 Hm) stürmt und ein Blizzard wütete. Jeder Läufer, auch ich, musste sich in den nächsten 10 Minuten umgezogen haben mit dichter Regenkleidung. Aber woher nehmen? Alles war schon nass. Ich zog mir eine lange Hose an, darüber die 3/4 Hose der Teutonia, und dann noch eine kurze darüber. Regenjacke hatte ich schon an. Ich hatte noch 7 Minuten. Wollte unbedingt weiter, doch die Ärztin ließ mich nicht hoch. Um 18.30 Uhr nach 95,6 km und 5495 Hm war der Run für mich gelaufen. Die Ärztin hatte auch Tränen in den Augen, als sie mir den GPS-Sender abgeschnitten hat. Das war, wie wenn dir jemand das Herz rausreißt. Ich bin in die Knie gegangen und die Tränen liefen mir durch den Bart. Ich bin weit gekommen und es war besser so. Das waren die schönsten und besten Tränen die ich je vergossen hab. Ich war froh, dass so entschieden wurde, wer weiß, wann ich die nächste Cut off Zeit nicht mehr geschafft hätte.

Ich hab bei dem harten Lauf viel nachgedacht, über die Familie, über die Freunde und alle die mich bis hierher begleitet haben. Ich hab viel bewegt, viele motiviert, bin schon in der Vorbereitung durch die Hölle. Wenn eine Grenze erreicht ist, die du nicht überschreiten darfst, musst du auch manchmal auf andere hören. Wer weiß, was am nächsten Berg gewesen wäre. Also stieg ich in den Bus nach Courmanyeur und fuhr mit einem anderen Bus durch den Mont Blanc Tunnel zurück nach Chamonix.

Am Sonntagmorgen fuhr ich zum Zieleinlauf und hab mir die Kämpfer angeschaut, das war für mich sehr emotional, wollte es aber nicht missen. Jens hat mir das Video für den La Fouly geschickt, das ihr für mich gemacht habt, danach war ne große Tränenpfütze unter dem Stein, auf dem ich in Chamonix saß. Ich hab den Sonntag noch genossen und bin dann abends durch die Nacht nach Hause gefahren.

Für mich war dieses einschneidende Ereignis eine gute Erfahrung wieviele Menschen hinter dir stehen, dich bestärken und füreinander da sind. Da wachsen viele Freundschaften. Und es filtert sich heraus, dass man dazu noch die beste Ehefrau und den besten Sohn der Welt hat.

Danke an euch alle!!!

Euer Michel

UTMB Starter: 2537
UTMB Finisher :1686
851 motivierte Aussteiger